Systemische Sichtweise

 

Der Mensch ist ein eigenes System.

Das System Familie ist vernetzt mit Seele, Körper und Geist. Der Mensch ist ein sich selbst regulierendes System mit kreativen Anpassungs- und Überlebensstrategien. Genährt wird er über die (Selbst-)Liebe, die ihn innerlich stark und selbstbewusst macht. Ist diese Liebe aufgrund schmerzlicher Erfahrungen verschüttet, so entwickelt er unterschiedlichste Ausgleichsmechanismen.

 

Krankheit zeigt uns immer etwas auf.

Probleme körperlicher oder seelischer Natur, deuten darauf hin, dass die innere Ordnung fehlt. Ein Zuviel vom Fremden (z.B. fehlende Abgrenzung, Überforderung) ist ebenso schädlich wie ein Zuwenig vom Eigenen (z.B. Gefühl des Mangels, Angepasstsein).

 

Sie alle gehören dazu...

Zum System eines Menschen zählen alle Geschwister, Halbgeschwister, Eltern mit deren Geschwistern und Ex-Partner, die einem Mitglied der Familie Platz gemacht haben, vor allem wenn sie ein schweres Schicksal hatten. Auch fremde Personen, durch deren Tod oder Leid ein Familienmitglied einen Vorteil hatte. Wichtig sind auch alle früh verstorbenen Familienmitglieder, sowie Totgeburten, Abtreibungen und Abgänge. Ein erstaunliches Ergebnis brachte die Zwillingsforschung in den letzten Jahren. Man geht davon aus, dass ca. die Hälfte aller Schwangerschaften als Zwillingsschwangerschaften angelegt sind. Jedoch nur 3-5% davon finden tatsächlich ins Leben. Es zeigt sich, dass diese frühe Verlusterfahrung des eigenen Zwillings für den Betroffenen erhebliche Auswirkungen hat.

 

Die Seele geht schon früh in Suchbewegungen.

Ein Kind entwickelt schon im Mutterleib eine Suchbewegung. Diese geht zu den Fehlenden hin (Verstorbene, Ausgegrenzte, Missachtete) bzw. an den Ort, an dem die Liebe der Eltern bzw. der Vorfahren gebunden ist. Der Preis ist hoch: Kindsein und das Nehmen der Kraft und Liebe werden verhindert. Im Leben äußert sich diese Suchbewegung als eine Abwendung vom Leben. Wenn die Seele in ihrer Sehnsuchtshaltung erstarrt kann es u.a. zu ständigem Partnerwechsel, wiederholtem Arbeitswechsel, Auswandern, einer tiefen Todessehnsucht, Drogen-/ Alkoholmissbrauch oder Essstörungen kommen. Krankheit und Leid können dann als Versuch der Selbstheilung, des Zurückfindens in eine natürliche Ordnung gesehen werden.

 

Unbewusste Loyalität macht das Leben schwer.

Erstaunlicherweise werden wir oft genau zu dem, was wir ablehnen. Ein Kind ist z.B. dem verachteten, nicht präsenten Vater loyal, indem es wird wie er und seine Themen lebt als wären es die eigenen. Kinder tragen oft für ihre Eltern, wollen ihnen das Schwere abnehmen. Sie hegen gleichzeitig Vorwürfe oder empfinden die Eltern mitleidsvoll als schwach oder unfähig. Ihre Kraft und Würde können sie dann nicht sehen.

 

Für die Lösung ist es wichtig, Kraft und Leid des Anderen gleichermaßen wahrzunehmen. Das schafft Achtung und Respekt. In dem Moment wo wir jemanden retten wollen und ihm das Schwere abnehmen, entziehen wir ihm auch seine Kraft. Mit Blick auf das Selbst des Anderen erkennen wir seine Bewältigungsmöglichkeiten und können ihm emphatisch zur Seite stehen ohne uns selbst zu verlieren.

 

Schuldgefühle sind meist gut getarnt.

Schuldgefühle sind Emotionen, die ein System schwer belasten und sind zumeist unbewusst. Sie äußern sich im Gefühl lastender Schwere, im Verlust von Leichtigkeit und Fröhlichkeit oder dem Gefühl, nicht dazuzugehören. Bei einem realen schweren Vergehen ist ein Schuldgefühl durchaus angemessen. Schuldgefühle entstehen jedoch auch wenn ein Kind so wie es ist nicht geliebt wird. Sie entstehen bei Abtreibungen, wenn Abschied ausbleibt und Trauer unverarbeitet bleibt. Bei der sog. Überlebensschuld (Überlebende im Krieg oder bei Naturkatastrophen) kann der Betroffene sein Leben nicht mehr ganz annehmen und ist im Scheitern den Toten nahe. Oft übernehmen Kinder die Schuld von Eltern oder Großeltern und sühnen in symbiotischer Identifikation stellvertretend.

 

Raffiniert, notwendig und irgendwann überflüssig: Überlebensstrategien

Jahrhunderte lang haben unsere Vorfahren Hungersnöte, Gewalt, schwere Verluste, Krieg, Flucht und Vertreibung erlitten. Es ging ums eigene Überleben und darum, das Leben weiterzugeben. Der zweite Weltkrieg hat Millionen von Gefallenen gefordert. Die Strategie der Kinder war, sich mit den Gefallenen und Getöteten zu identifizieren. Sie konnten jedoch nicht Kind sein, sich nicht bewusst von ihren verstorbenen Vätern verabschieden, sich nicht von der Mutter ablösen. Als Erwachsener waren sie nicht wirklich frei für ihren Partner und konnten ihre Kinder nicht als die sehen, die sie waren. Diejenigen, die den Krieg überlebt haben, waren meist innerlich gebrochen, traumatisiert und von Schuldgefühlen geplagt. Anpassung war die einzige Möglichkeit, zumindest die Illusion der Nähe zu erfahren. Eigene Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse wurden hintangestellt oder gänzlich verdrängt. Das Ergebnis: „So nah und doch so fern“. In symbiotischer Verschmelzung, die einem Verrat am eigenen Selbst gleich kommt oder in Überabgrenzung als Versuch, sich selbst zu retten.

 

Es braucht jedoch nicht oben genannte Szenarien um Überlebensstrategien zu entwickeln. Wir alle entwickeln aufgrund der Prägungen in unserer Kindheit bestimmte positive, aber eben auch negative Glaubensmuster und Überzeugungen. Die mit negativen Mustern verknüpften Gedanken erzeugen belastende Gefühle und Emotionen. Um diese nicht ständig bewusst zu erleben, entwickeln wir bestimmte Verhaltensstrategien. Diese Strategien bestimmen dann wie wir die Welt erleben, auf sie reagieren und welchen Platz und welche Rolle wir einnehmen. Im Laufe unserer Bewusstwerdung und persönlichen Entwicklung werden diese Strategien überflüssig und müssen gelöst werden wenn wir glücklicher und befreiter leben wollen.