Verschmelzung mit dem Zwilling

Mit welcher "Verkleidung" und in welchen fremden Pantoffeln gehen wir manchmal durchs Leben, ohne uns dessen bewusst zu sein? Erinnern wir uns daran, wer wir wirklich sind und zögern wir nicht, uns von falschen Gedanken und Gefühlen zu befreien.

 

Ein Nein zu Dir ist ein Ja zu mir.

Dieser Satz, dessen Nein nicht im Sinne einer Ablehnung gemeint ist, gewinnt in der Integralen Selbstverbindung an großer Bedeutung. Die in ihm steckende Weisheit lässt sich anhand des Zwillingsthemas erläutern. Ein Beispiel aus der Praxis verdeutlicht, wie sehr ein früh verlorener Zwilling das eigene Empfinden und das Gefühl der Daseinsberechtigung beeinträchtigen kann.

 

Eine Klientin schildert ein extremes Sicherheitsbedürfnis und damit verbunden eine Angst vor unbekannter Post oder unbekannten Anrufern – Zeichen für ein starkes Symbiosemuster. Im Anamnesegespräch berichtet sie, dass sie ein Zwillingsgeschwister hatte, das nicht ins Leben kam. Vom Vater, der seinen eigenen Vater früh verloren hat, erfuhr sie als Kind körperliche Gewalt. Der Gedanke an den Tod ist für sie immer schon beruhigend und wie ein letzter Ausweg. Außerdem kennt sie innigste Gefühle von "Ein Herz und eine Seele" in der Begegnung mit einigen Frauen.

 

Die Aufstellung zeigt, dass sich der Raum des verstorbenen Zwillings sehr vertraut anfühlt und sie dort angenehme Stille und Ruhe erfährt. Ihr wird bewusst, dass das Sicherheitsgefühl, nach dem sie so sehr sucht in ihrem Leben, zum Raum des Zwillings gehört. Die Unsicherheit des normalen Lebens erscheint ihr aus dieser Perspektive heraus bedrohlich. In Wahrheit ist es die Angst vor dem Verlust der Symbiose mit ihrem Zwilling, die sich so bedrohlich anfühlt.

 

Sie wendet sich unter Tränen ihrem Zwilling zu und sagt ihm „Du brauchst meine Begleitung nicht. Du bist vollständig ohne mich. Du hast dein eigenes Selbst, und ich habe meines.“ Der Abschied und das Loslassen ist nicht leicht, doch sehr heilsam. Zum ersten Mal kann sie jetzt ihren eigenen Raum wahrnehmen.

In der Begegnung mit ihrem kindlichen Selbst kann sie diesem jetzt als erwachsene Frau begegnen: „Ich lasse dich nicht mehr allein. Ich bin jetzt stark und lasse nicht mehr zu, dass du verletzt wirst.“ Das Kind kann aufatmen und fühlt sich geachtet.

 

Als die Klientin ihren Raum gegen den Zwilling abgrenzen soll, fühlt sie sich als unfreundlich, so als ließe sie den Zwilling im Stich und sei egoistisch. Der eigene Schutzreflex ist ihr verloren gegangen, was typisch ist bei einem verlorenen Zwilling. Mit einiger Übung gelingt es ihr jedoch und ihr anfängliches Gefühl kann der Klarheit des Verstandes folgen und erkennen, dass es einen völlig gesunden Impuls darstellt, den eigenen Raum zu schützen.