Tragen für den Anderen

Viele Aufstellungen zeigen sehr eindrucksvoll "das Tragen für den Anderen".

 

Ist es nicht erstaunlich, wie unsere Gefühle unseren Blick für die Wirklichkeit einschränken können?

So fühlen wir uns für das Leid, den Schmerz oder das Schicksal unseres Partners, eines Elternteils oder unseres Kindes verantwortlich, versuchen mit uns allen verfügbaren Mitteln, die Situation für den anderen leichter zu machen. Hier geschieht es, dass - wenn unsere eigenen Grenzen nicht stark genug sind, wir unseren Raum für den anderen öffnen bzw. mit den besten Absichten in den Raum des anderen "einmarschieren" - um dort, aus einem vermeintlichen Zuständigkeitsgefühl heraus dem Anderen seine Probleme zu lösen.

 

Wir versuchen dann, sein seeuntaugliches Schiff zu navigieren um einen sicheren Hafen zu erreichen. Diesen sicheren Hafen gibt es nicht, solange wir Kapitän auf einem fremden Boot sind! Das eigene Schiff erleidet Schiffbruch, während das fremde Boot fremdbestimmt unter falscher Flagge in falsche Richtungen treibt. Am Ende haben wir uns aufgeopfert, unsere ganze Energie und Aufmerksamkeit dem anderen gewidmet - mit dem Erfolg, dass es kein happy end geben kann. Wer zu viel gibt hat in der Regel große Erwartungen - und diese bleiben unbeantwortet, die Dankbarkeit bleibt aus. Eine bittere doch heilsame Erkenntnis wenn man angesichts zweier schiffbrüchiger Schiffe erkennt, dass man die Verbindung zum Eigenen Raum verloren hat und mit sich nichts mehr anfangen kann.

 

Doch warum kann es keine Lösung sein, den Anderen zu retten? In dem Moment wo wir uns selbst aufgeben zugunsten des Anderen, mischen wir uns in fremde Angelegenheiten ein. Auf seelischer Ebene kommt dies einer Anmaßung gleich. Wir verlieren den Respekt vor dem Anderen, können seine Kraft und seine Würde nicht mehr sehen. Daher erscheint er uns schwach und unfähig, mit seinem Schicksal aus eigener innerer Stärke heraus klar zu kommen. Wir sehen nur noch das Schwere, das Leid und die Not in ihm, unsere Augen sind blind für die Ressourcen, die er mitbringt sein Schicksal anzunehmen und zu verwandeln. Anstatt ihm zu helfen, daran zu wachsen, nehmen wir ihm die Kraft. Tatsächlich zeigt sich, wie sehr der Betroffene durch die überprotektive Haltung des Gegenübers entmachtet und eingeengt wird und ihm förmlich die Luft zum Atmen genommen wird. Wir trauen ihm nichts mehr zu, haben Mitleid und oft genug machen wir ihm stillschweigend oder auch lauthals Vorwürfe, denn er steht uns nicht mehr als ebenbürtiges Gegenüber zur Verfügung.

 

Scheinbar scheint das Problem nur beim Anderen zu liegen. Näher betrachtet - und das zeigt sich in den Aufstellungen ganz deutlich - sind wir selbst genauso mit beteiligt am Scheitern der Beziehung. In dem Moment, wo wir uns selbst wieder zu wenden und die scheinbar ehrenhafte Aufgabe aufgeben, für den Anderen mit all unserer Energie und Seelenkraft (inklusive unserem vermeintlichen Wissen was gut für ihn ist) da zu sein, in dem Moment wird deutlich, wie leicht oder schwer es uns fällt, mit uns selbst zu sein. Und hierin liegt die eigentliche Aufgabe.

 

Wer bei sich ist, kann für den Anderen echter Ratgeber, Freund und Unterstützer sein. Seine Hilfe ist dann Hilfe zur Selbsthilfe - er wird eben nicht zur Prothese des anderen. Anstatt Mitleid kann echtes Mitgefühl treten. Der Andere fühlt sich nicht als Looser sondern wird in seiner Not wahrgenommen und erfährt gleichzeitig Vertrauen in seine Kräfte. Die Voraussetzung für das Überwinden von Konflikten und Schicksalsschlägen.

 

Es gibt den Spruch: "Wenn es dir schlecht geht, suche dir jemanden, dem es noch schlechter geht." Darin besteht die Gefahr, eine "leere Fülle" zu erzeugen, wie die chinesische Medizin diesen Zustand beschreiben würde. Denn wer zu symbiotischen Beziehungsgeflechten neigt, wird Gefahr laufen, das eigene Mangelgefühl durch die scheinbare Wichtigkeit, die man als seelische Prothese für jemand anderen erfährt, zu überdecken.

 

Nehmen wir uns also einen Moment Zeit, denken über die Motive unserer Beziehungen nach und fragen uns: Bin ich tatsächlich Kapitän auf meinem eigenen Boot?