Liebesrausch und diebische Seelenfänger

Wie wichtig es ist, in einer stabilen und satten Selbstverbindung zu ruhen, zeigt die Chinesische Medizin am Beispiel des jungen Mädchens, das sich Hals über Kopf in ihren Angebeteten verliebt.

 

Was genau passiert?

 Das junge Mädchen, dem es als Kind an Selbstvertrauen und Liebe mangelte, ist sich ihrer selbst noch nicht bewusst. Ihr Herz, der Wohnort der sog. Shen-Seele, ist leer. Die Shen-Seele ist jener psychisch-geistige Seelenaspekt, der im Laufe des Lebens heranreift und sich entfaltet. Das junge Mädchen möchte mit ihrer Schwärmerei ihr Herz füllen. In Wahrheit geschieht das Gegenteil. Die Energie folgt den Gedanken und ihren sehnsüchtigen Blicken. All ihre Energie fließt dem Mann zu. Ihr eigener Geist wird schwach, haltlos und verlässt sie. Dieser Geist ist ein Aspekt des Erwachsenen Selbst.

 

Ein weiterer Seelenaspekt ist die sog. Gedanken-Seele, die im Milz-Magen-Funktionskreis, d.h. Erdelement beheimatet ist. Wenn das junge Mädchen (noch) nicht in ihrer Mitte ruht und das Erdelement geschwächt ist, treibt sie eine unbestimmte und tief nagende Sehnsucht an.  Worauf zielt diese Sehnsucht und woher kommt sie?  Mangels einer guten Selbstverbindung kann sie es selbst nicht definieren und klar sehen. Sie ist nicht fähig, für sich selbst zu sorgen und ihre Sehnsucht zu stillen.

 

So wird sie anfällig für die stark expansive Energie von attraktiven Männern mit Phantasie, Kreativität und einem sicheren Jagdinstinkt. Die Energie dieser Männer geht sozusagen auf Wanderschaft und verwüstet die Mitte der Frau und ihr Leben kann völlig aus den Fugen geraten. Was ihr eben noch wichtig erschien wird belanglos, innere Ruhe wandelt sich in Nervosität und Unruhe, eigene Ansichten lösen sich in Luft auf.  Die Grenze zwischen ihr und ihrem Angebeteten verschwindet, existiert nicht. Sie stellt sich ihm voll und ganz zur Verfügung, empfindet das Eigene und ihren eigenen Raum als öde und farblos. Sie lässt ihren inner seelischen Bereich fremd überfluten. So als gäbe es sie nur im Anderen.

 

Ihre eigene Sehnsucht beginnt in einer fremden Tonart zu spielen, die später ihre eigene Mitte besetzt. 

Ein Bild, welches das Dilemma deutlich vermittelt. Nichts passt mehr zu ihr, und ihr ureigener Rhythmus geht verloren. Sie ist bereit, für ihren Angebeteten Dinge zu tun, die sie bei klarem Herz und Verstand niemals tun würde.  Sie lebt seine Phantasien und Themen aus, anstatt auf ihre eigenen zu hören. Sie hat sich selbst verloren. Körperliche Symptome bleiben selten aus: von Herpes, Blasenentzündung, Mandelentzündung, Herzklopfen, Schlaflosigkeit, bis hin zu Realitätsverlust und psychotischen Symptomen.

 

„Bitte, rette mich!“

 So fleht es insgeheim in ihr. Ihr Angebeteter wird sie nicht erhören.  Retten muss sie sich selbst. Und das ist gut so. Sie selbst ist für sich verantwortlich und kann sich entscheiden, ihr Herz mit sich selbst zu füllen. Anstatt all ihre Sehnsucht in den Mann zu legen, kann sie sich fragen, was sie im Leben erreichen möchte. Sie sollte liebevoll all jene Seelenaspekte in sich kultivieren, die schwächer ausgeprägt sind. Vielleicht legt sie sich eine Liste an mit ihren Schwächen und Stärken. Natürlich darf Sie mit ihrer Vorstellungsgabe arbeiten, ihre eigene Stärke und Kraft visualisieren. Sie darf sich selbst gegenüber eine liebevolle Mutter sein. Ihr inneres Kind will angenommen und umsorgt sein. Und ihr Körper wünscht sich gutes Atmen, guten Schlaf und gute Nahrung. Und dann wird sie mehr und mehr die Schätze in ihrem Inneren sehen können und ihrer Sehnsucht auf eigenen Wegen und in eigenen Räumen folgen können. Und beim nächsten Mann wird tatsächlich alles anders, denn Selbstaufgabe ist nicht mehr ihr Thema.

 

Im Zustand des Verliebtseins ist das Verhältnis zur Realität gestört, die Kontrolle wird aufgegeben. Auch wenn es sich erst einmal wunderschön anfühlt. Integrale Selbstverbindung bietet den rettenden Schritt von der rosaroten Brille zurück zur eigenen Brille. Und die Liebe darf bleiben!