Durchhalten um jeden Preis

Der Herbst mit seiner beginnenden Kälte und Rauheit fordert uns auf, innerlich weich zu werden, biegsam wie die Äste eines Baumes im Novemberwind. Gleichzeitig brauchen wir starke Wurzeln um nicht unser Fundament zu verlieren und kraftvoll zu bleiben.

 

So geht es heute um ein Fallbeispiel mit dem Thema „Durchhalten um jeden Preis“. Es erzählt auch davon, dass manchmal etwas, das wir als angenehm und gut erfahren haben, dem Übereleben diente, uns später jedoch - aufgrund der entstandenen Symbiose - vom eigenen Lebensweg abhält. Wir müssen im eigenen Raum verwurzelt sein um unser Leben zu meistern. Wer versucht eigene Wurzeln in fremdem Territorium zu schlagen scheitert. Es ist nicht der richtige Nährboden für das Eigene.

 

Ein Mann, dessen Eltern für ihn emotional nicht verfügbar waren, erfährt im Raum der Oma Sicherheit und Halt. Die Oma war eine liebenswürdige Patriarchin, die die Kontrolle über ihre Familie hielt und für Ordnung und Überleben sorgte. Der Enkel hat sich bei ihr frei gefühlt und – anders als bei den eigenen Eltern – das Gefühl bekommen, gemocht zu werden. Emotionale Wärme war für ihn also gleichbedeutend mit der Oma. Es ist nur verständlich, dass sich ein Kind oder junger Erwachsener dort sehr wohl fühlt. Das Kind wächst zum Mann heran, die Oma stirbt, der Mann spürt eine unglaubliche Sehnsucht zur verstorbenen Oma, er ist mit ihr identifiziert, übernimmt daher automatisch ihre Themen. Dahinter steht die Sehnsucht nach Wiedererleben der Vergangenheit und des dort erfahrenen behüteten Raumes. Obgleich die Präsenz und Liebenswürdigkeit der Oma dem Jungen ein großes Geschenk war und ihm das Überleben erleichtert hat, hat es ihn gleichzeitig daran gehindert, seinen eigenen Raum zu entdecken und einzunehmen. Nun ist es nicht nur so, dass der Mann sich im Raum der Oma gut auskennt.

 

Wie der Polarstern, der dich führt...

Eine Überprüfung der Oma auf dem Platz des Selbstes des Mannes ergibt, dass er sie selbst in seinen Raum geholt hat und ihr den Platz seines Selbstes zur Verfügung gestellt hat. Die Oma fühlt sich „wie der Polarstern, der ihn führt“. Der Mann verpasst die Chance seine eigenen Kräfte und Gaben für sich zu mobilisieren und gerät in eine seelische Abhängigkeit zur Oma. Sein Blick hat fast etwas verliebtes an sich, untypisch für eine Enkel-Oma-Beziehung.

 

Die Annäherung an sein kindliches Selbst zeigt, dass dieses noch nicht wirklich begrüsst wurde. Der Satz „schade, dass diese verwirrte Familie es nicht gemerkt hat, dass du goldrichtig bist“ wirkt tief.

 

Die Oma war eine starke Frau, deren Überlebensmotto war „man muss stark sein um jeden Preis, sonst bricht alles zusammen“. Angesicht von Krieg und Traumatisierungen ist diese innere und äußere Haltung verständlich.

Der Enkel hat genau dieses Thema von ihr übernommen. Die „Zinnsoldat-Steife“ trägt er im Rücken und leidet unter starken Wirbelsäulenproblemen. Er hat sich im Leben nicht erlaubt, seine unangepasste Seite zum Ausdruck zu bringen, seinen eigenen Willen auszudrücken.

 

Durch die Auflösungsarbeit kann er endlich durch seine eigene Brille auf sein Leben blicken und die Wahrheit in Worte fassen. Er muss nichts mehr schön reden und darf der Schwere und dem was schief gelaufen ist in seiner Kindheit Ausdruck verleihen. Ein lautes Brüllen von „Scheiße, ja genau das war es“ (die Worte wollte sein inneres Kind unbedingt von ihm hören! Da gibt es keine schöne Umschreibung.) ist unglaublich heilsam und befreit sein erstarrtes inneres Kind.

 

Keine heimlichen Fluchtpunkte mehr!

Der Mann hat sich immer wieder heimlich in den Raum der Oma zurückgezogen, um sich gut zu fühlen. Immer dann, wenn das Leben für ihn herausfordernd und schwierig wurde. Es war seine letzte Zuflucht. Dieser heimliche Fluchtpunkt war durch die Abgrenzung zum Raum der Oma endgültig weg. Mit ihm löste sich auch der verliebte Blick auf. Das Fühlen als Ausdruck der Beweglichkeit kehrte zurück.