Angst vor dem Schlaganfall

 

Manchmal hilft es, mit eigenen Augen zu sehen, wo ich stehe, was auf mich einwirkt und wie ich mich psychisch und innerseelisch bewege - insbesondere dann wenn irgendwo "der Schuh drückt". Was ich selbst sehe, erlebe, spüre und beobachte, kann ich erkennen und in lösenden Schritten heilen.

 

Die stellvertretende Wahrnehmung in der Aufstellungsarbeit ermöglicht diese Bildfläche. Als Hauptakteur habe ich jetzt die Möglichkeit, tief verschüttete Verletzungen, Traumen und unbewusste Muster ans Licht zu bringen und zu verändern. Dies wird in einem Fallbeispiel besonders deutlich:

 

Im Bett nicht allein...

 

Eine Klientin, alleinstehend, mittleren Alters, fühlt sich in ihrer Wohnung unwohl. Morgens beim Aufwachen überfällt sie regelmäßig die Angst, einen Schlaganfall zu erleiden! Die Anamnese ergibt, dass sie als 3-jähriges Kind ihre Oma tot in deren Wohnung vorgefunden hat - diese hatte beim Aufstehen aus dem Bett einen Schlaganfall erlitten und sank dabei zu Boden. Die Klientin war im Schock dieses Erlebnisses sich selbst überlassen. Es gab niemanden, der mit ihr über das Ereignis und den Tod im Nachhinein gesprochen hätte. Für ein kleines Kind eine traumatisierende Situation.

 

 Was genau geschah hier aus systemischer Sicht? Die Aufstellung offenbart folgendes Bild:

 

 Die Klientin hat sich von ihrem Erwachsenen Selbst, also dem Teil der in einer gesunden Selbstverbindung dem Tod gegenüber stark bleiben kann und der sie handlungs- und ausdrucksfähig bleiben lässt, abgespalten. Ihr Erwachsenes Selbst steht sogar im Raum des Ereignisses von damals. Wohlbemerkt, dies tut es bereits seit über 45 Jahren! Das Ereignis, der Schlaganfall fühlt sich am Platz rechts neben der Klientin (der Platz, an den normalerweise ihr Erwachsenes Selbst hingehört) zugehörig. So als "wache" der Schlaganfall über die Klientin. Ein Paradox: anstelle mit ihrer Lebenskraft eins zu sein, holte sie sich den Schlaganfall - hier symbolisch für Angst, Tod, der plötzliche unerwartete Abbruch -  in ihren eigenen Raum, eng an ihre Seite. Bildlich gesehen ist der Schlaganfall ihr ständiger Begleiter, insbesondere liegt er neben ihr in ihrem Bett! Es gibt wahrlich schönere Vorstellungen und Begleiter.

 

Nun ist es so, dass der traumatisierte Anteil der Klientin zum Zeitpunkt des Traumas in seiner Entwicklung stehen geblieben ist, die Erinnerung gespeichert hat und Jahrzehnte später nach einem Ausweg sucht. Die Angst, die die Klientin spürte, ist also ein Versuch der Heilung. Das Trauma wird erneut getriggert, um aus der Erstarrung der Abspaltung befreit zu werden. Die Klientin hat übrigens als junge erwachsene Frau noch einmal eine Nachbarin tot in deren Wohnung aufgefunden - traumatisierte Anteile reinszenieren sich häufig.

 

Über die Integrale Selbstverbindung gelang es ihr, "Ordnung im Schlafzimmer" zu schaffen, sprich ihr Erwachsenes Selbst zu sich zu holen, mit ihm zu verschmelzen und den Schlaganfall/das Ereignis dort zu lassen wo es hingehört: in einen eigenen zeitlich und örtlich von ihr getrennten Raum. Der Schlaganfall ist sozusagen schon lange mausetot.

 

Diese Aufstellung hat gezeigt, dass es lohnenswert ist, sich immer einmal zu fragen, wen oder was wir unbewusst so im Gepäck mit tragen.