Abgrenzung und Einssein

Sind wir nicht alle eins? Warum soll ich mich dann überhaupt abgrenzen?

Alle Religionen, alle spirituellen Richtungen verkünden eines: Wir sind alle eins, wir sind nicht voneinander getrennt. Die Trennung ist Illusion.

Nun denkt es in manch einem Folgendes: Wenn wir alle eins sind, ist mein Bestreben doch in die Einheit zurückzugehen, dann darf ich mich nicht davon abhalten lassen, indem ich Grenzen aufbaue, mich von anderen unterscheide, meine Individualität nähre. Wenn ich das tue, hält mich das sozusagen ab von meiner Erleuchtung.

Der Gedanke ist nachvollziehbar, und dennoch nicht schlüssig. Es gilt hier zu unterscheiden in welchen Dimensionen wir uns bewegen.

 

Ja, da ist die Einheit, das All-eine Bewusstsein. Dieses Bewusstsein, im Yoga durch Brahman ausgedrückt, manifestiert sich auf einer physischen Ebene in allen Formen unserer Welt. Dieses Bewusstsein ist der göttliche Seinszustand, jenseits von Zeit und Raum, jenseits von der menschlichen Beurteilung von Gut und Böse. Das Bewusstsein ist einfach. Es ist ewig, unzerstörbar und unendlich. Für unseren menschlichen Verstand eine unbegreifliche Größe. Da dieses Bewusstein in jedem Menschen als genau dasselbe vorhanden ist, verbindet es uns alle. Es heisst „es ist dasselbe Licht, das durch alle Formen scheint.“ Dies ist gemeint, wenn wir sagen, wir sind alle eins. Wir erkennen die Präsenz des einen Bewusstseins in allen Lebewesen, allen Menschen, allen Formen der materiellen Welt. Der Yoga-Weg ist der Weg in dieses Bewusstsein, bewusste Hingabe, Bemühung und Disziplin um dieses Licht des Bewusstseins durch unsere Körperhülle mehr und mehr durchscheinen zu lassen.

 

In der Integralen Selbstverbindung kommt dieses Bewusstsein als Aspekt des Höheren Selbstes im Erwachsenen Selbst zum Ausdruck. Das Erwachsene Selbst ruht in sich, ist stark und frei, birgt Talente und Gaben in sich und bleibt in der Kraft verankert auch wenn sog. negative Dinge geschehen.

 

Warum spüren wir das Licht des Bewusstsein dann nicht immer oder nehmen es nicht im anderen wahr?

Zum einen weil unser Blick oft nicht darauf gerichtet ist. Wir brauchen die feste innere Absicht, dieses Bewusstsein, das Einssein wahrzunehmen. Es braucht dafür täglich eine Geste, ein Gebet, eine Erinnerung.

Zum anderen weil unser Ego uns davon abhält. Als Ego bezeichnen wir alle Gefühle, Gedanken und körperliche Strukturen, mit denen wir identifiziert sind, d.h. wir überlassen Ihnen die Macht über unser Befinden, wir denken sie sind wahr als absolute Werte. Und da wir das glauben, urteilen wir über sie, ordnen sie ein. Unser Geist tut das übrigens ständig, wenn wir nicht durch Bewusstheit oder Meditation diese Endlosschleife unterbrechen. Alles Erlebte wird sofort kategorisiert, eingeordnet und für gut oder schlecht befunden. Hiermit sitzen wir in der Falle und sind den Erlebnissen in unserem Leben in Form von unbewussten Reaktionen ausgeliefert: Dies wiederum ist der große Stoff für alle Dramen. Das Drama lässt uns leiden, erzeugt Verwirrung, Unklarheit und Täter- bzw. Opferhaltungen.

 

Warum also Abgrenzung?

Um das innere Drama und damit die Probleme unser zwischenmenschlichen Beziehungen zu lösen bedarf es zweierlei Dinge: Zum einen die Erkenntnis, dass in unserer Welt der Formen nichts absolut und ewig ist, Gefühle sind Gefühle, doch wir sind sie nicht in Wahrheit, es gibt eine absolutere Ebene dahinter.

Zum anderen müssen wir uns um genau die relative Ebene kümmern. Als Mensch haben wir diesen Körper, haben wir Gefühle, Gedanken, Meinungen, können Entscheidungen treffen. Es ist für unsere Gesundheit unabdingbar, dass diese Aspekte aus der Anbindung unseres Selbstes entstehen und nicht aus der Unklarheit eines verwirrten inneren Systems. Wenn ich die Gefühle meiner Mutter oder meines Großvaters übernehme und deren Schicksal unbewusst loyal nachahme, trennt mich das von der Verbindung zu meinem höheren Selbst, das Licht des Bewusstseins kann dann nicht durch mich scheinen. Also muss ich zuerst einmal wissen, wer ich auf dieser materiellen Ebene bin, was meine Identität, meine Stärken, Fähigkeiten, meine Besonderheiten sind. Mein göttlicher Auftrag im Leben ist nun diese Qualitäten in die Welt hinaus zu tragen. Und daraus ziehe ich die Erlaubnis. Es sind nicht Mutter oder Vater, die uns erlauben der zu sein der wir sind, die Erlaubnis kommt sozusagen von höchster Stelle. Etwas aus sich zu machen bedeutet Ja zu sagen zum Leben an sich.

Ein Beispiel: Wenn ich Wäsche waschen will brauche ich eine Waschmaschine, da nützt es nichts mir eine Spülmaschine zu kaufen, nur weil diese günstiger oder moderner ist. Wenn ich nach London fahren möchte, darf ich nicht in den Zug nach Wien einsteigen. Eigentlich doch ganz einfach, oder?

Indem wir uns also abgrenzen, erkennen wir uns selbst an und schaffen damit die Voraussetzungen für ein spirituelles Leben.

 

Die Arbeit der integralen Selbstverbindung schenkt Spirituellen und den der Spiritualität abgewandten Menschen etwas ganz wichtiges:

Der Spirituelle Sucher verliert sich oft in himmlischen Gefielden, fühlt sich in feinstofflichen Bereichen sehr wohl und sicher und hat es schwer hier auf der Erde Fuß zu fassen – zumeist weil er selbst sehr symbiotisch ist und daher seine himmlischen Antennen stark ausgeprägt sind, meist verbunden mit einem heilerischen Talent. Durch die Methode der Integralen Selbstverbindung kann er auf der Erde besser Fuß fassen.

Der vermeintlich Unspirituelle macht die Erfahrung eines Einsseins mit sich Selbst, was unweigerlich ein Gefühl von etwas größerem, eine andere Dimension des Seins mit sich bringt. So kann für ihn die Integrale Selbstverbindung die innere Türe zu tieferer Hingabe im Leben sein.